Berliner Schmalfilm-Freunde e.V.
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Gedanken zu der Zielgruppe
von Hein H. Möbis
Die Familie
Kennen Sie das auch? Der Urlaub ist vorbei, die Koffer wieder im Keller oder auf dem Hängeboden verstaut, jetzt ist es aber Zeit, die vielen Kassetten, die man belichtet hat, zu bearbeiten und den Urlaubsfilm fertigzustellen. Schnell sind die verwackelten Szenen herausgenommen, noch eine tolle Musik untergelegt und schon ist der "Spielberg"-Verschnitt vorführbereit. Die Familie ist begeistert, Tante Emma und Opa wären auch gern dort gewesen und Cousine Sigrid war dort vor ein paar Jahren auch schon einmal. Guck mal, ist das nicht niedlich, wie unsere Kleine da nett lächelt? Oma sagt sogar, das der Film doch reif für das Fernsehen wäre.
Na ja, so hat man es sich vorgestellt, ein Riesenerfolg, dieser Film, man hat ja auch kräftig bearbeitet, geschnitten, vertont. Schade nur um das nicht verwendete Material, aber was soll es, es waren doch nur knapp 10 Minuten, die man herausgeschnitten hat, so ist der Film wenigstens doch noch eineinhalb Stunden lang geworden. Man klopft sich innerlich selbst auf die Schulter und faßt neuen Mut.
Die Kollegen, die Freunde
Eigentlich müßten sich die Kollegen doch auch für den Film interessieren. Der Meyer und die Müller-Lüdenscheid beneideten einen doch sowieso um diese tolle Reise. Und die anderen im Büro hörten auch sehr interessiert beim Nachurlaubsplausch während der Kaffeepause dem schwärmerischen Reisebericht zu. Also, gesagt, getan, die Leute werden eingeladen und dann läßt man sich nochmals als großer Regisseur feiern.
Aber, wie das? Von den acht eingeladenen Kollegen kommen nur fünf. Das Bier und das Knabberzeug stehen bereit. Die Vorführung beginnt. Einige unterhalten sich während der Vorführung (zwar leise, aber sie sind nicht beim Geschehen auf der Mattscheibe), die anderen räkeln sich gelangweilt auf den Sesseln. Nachdem der Fernseher wieder dunkel geworden ist, verabschiedet man sich sehr schnell mit dem Hinweis auf den späten Abend und den nächsten frühen Morgen, ist höflich und dankt für den "hochinteressanten" Film. Warum? Sind die Kollegen und Freunde zu dumm, den Film zu verstehen? Aber die haben eben keine Ahnung, wie schwierig es ist, so etwas zu drehen.
Der Filmclub
Da gibt es doch in der Nähe einen Filmclub, alles Film- und Videobegeisterte, die wissen sicher zu schätzen, was man für ein tolles Werk vollbracht hat.
Doch es ist für den Leser schon keine Überraschung mehr, daß unser "Spielberg" im Filmclub natürlich vom Regen in die Traufe kam. Der Film wurde regelrecht "zerrissen", wenn auch nur verbal, mit mehr oder weniger netten Worten. Neben Hinweisen auf Mängel und Ratschlägen zur Vermeidung weiterer technischer und dramaturgischer Fehler erhielt unser Filmfreund auch den Rat, auf die Zielgruppe zu achten, für die er den Film herstellt. Zielgruppe? So etwas braucht er nicht, so unser Amateur, sein Film ist für jeden interessant, oder war schon mal jemand in Towolanien? Na also !.....
..nur für mich selbst?
Der Film ist ein Medium, daß von der Sache her dafür da ist, anderen Menschen etwas zu vermitteln, eine Botschaft zu überbringen. Die Antwort von so manch einem Filmamateur, den man auf einen Schwäche, einen Fehler oder eine Verbesserungsmöglichkeit nach der Filmbetrachtung aufmerksam macht, "der Film wäre nur für ihn selbst gemacht", ist unaufrichtig und eine schlechte Entschuldigung! Warum, bitte schön, hat dieser Filmer denn dann sein Werk überhaupt anderen Menschen vorgeführt, wenn sein Film angeblich doch nur für ihn bestimmt ist?
Das Publikum
Film lebt von den Zuschauern und deren Reaktion. Nur ist eben die Reaktion nicht immer so positiv, wie es sich der Filmer erhofft hat. Es ist verständlich und natürlich, daß jeder, der etwas tut, auch Erfolg haben möchte. Warum sonst treibt man den Aufwand?
Der Zuschauer ist die Meßlatte. Auf seine Bewertung kommt es an. Und darauf muß der Amateur-, genauso wie der Profifilmer Rücksicht nehmen. Was hilft es dem unbekannten Profi-Filmkünstler, wenn er ein Kunstwerk schafft, das vom Publikum nicht verstanden wird, und die Kinos, und damit auch die Kassen, leer bleiben? Der Mann hat dann sicher nur selten noch eine Chance, weiter zu machen; sein Einkommen, sein Lebensunterhalt ist somit gefährdet. Er muß sich also noch viel mehr als wir Amateure um seine -zahlenden- Zuschauer kümmern, d.h. seine Filme auf Publikumswirksamkeit anlegen. Doch wie macht man das als Amateur? Ganz einfach: man muß sich schon vor dem ersten Meter gedrehten Films darüber im Klaren sein, für wen der Film einmal sein soll, wer ihn zu sehen bekommen soll. Es ist doch offensichtlich, daß der Familienkreis ganz andere Maßstäbe anlegt, als z.B. ein Fachpublikum. Ein Familien- oder Urlaubsfilm wird meist völlig anders aufgebaut sein können, als eine vielleicht wissenschaftliche Dokumentation. Ein Film für und über eine Gruppe, egal ob Freizeitvereinigung, Sportverein oder einen anderen Personenkreis, wird, wenn er die die Gruppe betreffenden fachspezifischen Belange berücksichtigt, fast immer erfolgreich sein. Er ist vergleichbar mit einer Vorführung im Familienkreis, sehen sich doch auch hier die Zuschauer selbst, ihre Freunde und Mitstreiter agieren.
Problematischer wird es mit Filmen, die in einem Filmclub vorgeführt werden sollen. Hier trifft man in der Regel auf viele erfahrene Amateure, die technische und dramaturgische, gestalterische Fehler sehr bewußt registrieren. Filme, die solche Schwächen haben, werden hier nur schwer einen ehrlichen Erfolg haben können. Da die Clubmitglieder ansonsten aber Menschen wie "Du und ich" sind, sind sie in der Gesamtheit weder einem bestimmten Fachgebiet besonders zugetan, noch sind ihre Interessen für bestimmte Teilgebiete des Filmhobbies (Technik, Gestaltung, Filmgenres usw.) gleich. Die einen lieben Filme über fremde Länder, die anderen interessante Spielfilme, wieder andere wollen Filme mit "Tiefgang", während noch andere diese "Problemfilme", wie auch vielleicht "Experimentalfilme" ablehnen. Man muß also in solch einem Kreis seine Zuschauer schon recht gut kennen, den "Publikumsgeschmack" herausgefunden haben, damit der eigene technisch und dramaturgisch gut durchdachte Film dort ankommt. Natürlich wird es auch Tendenzen geben, daß man einem Filmfreund nicht "wehtun" möchte und mit der Kritik zurückhält, doch ist das ehrlich ihm gegenüber? Hilft ihm das für sein weiteres Filmschaffen weiter? Eigentlich nicht.
Wettbewerbe
Noch schwieriger wird die Planung und Durchführung von Filmprojekten, deren Ergebnisse evtl. auch zu Vorführungen anläßlich eines Wettbewerbes dienen sollen. Das solche Filme technisch und gestalterisch einwandfrei sein müssen, um Erfolg zu haben, ist klar. Aber man muß auch wissen, nach welchen Kriterien die Beurteilung stattfindet. Wer juriert den Film? Eine Publikumsjury, eine öffentlich tagende Jury, eine im stillen Kämmerlein sitzende, oder eine, die wie beim Eiskunstlauf Wertungskellen sofort nach der Filmvorführung hebt? Es ist hier sogar wichtig zu wissen, mit welcher Anzahl Mitbewerbern man zu rechnen hat. So kann es bei Wettbewerben des Bundes Deutscher Filmautoren e.V. (BDFA) z.B. interessant sein, einen Film so zu gestalten, daß er nicht zum Bundeswettbewerb für Reisefilme gemeldet wird, weil dort die Anzahl (sprich Konkurrenz) der gemeldeten Filme viel zu hoch ist. Besser wäre es ggf., ihn so aufzubauen, daß er z.B. auch zum Dokumentar- oder Reportagewettbewerb gemeldet werden könnte. Die Chancen auf Erfolg wären dort evtl. um einiges höher.
Kann man als Amateur schon bei der Herstellung des Filmes wissen, mit welchen Personen eine eventuelle Jury zu einem bestimmten Wettbewerb zusammengesetzt sein wird? Selbstverständlich nicht. Was bleiben einem dann für Möglichkeiten? Eigentlich nur die, einen Film über ein interessantes, vielleicht ungewöhnliches Thema, zumindest aber aus einer ungewöhnlichen Betrachtungsebene heraus, umfassend, technisch sauber und dramaturgisch einwandfrei herzustellen. Man kann dann nur darauf vertrauen, daß die qualifizierte Mehrzahl der Juroren die Absicht des Autoren erkennt und das Werk richtig bewertet. Die relativ kleine Anzahl der Juroren versteht sich meist zur kompetenten und objektiven Beurteilung befähigt. Das schließt aber nicht aus, daß doch in einigen Fällen deren Urteil anders ausfällt, als das eines großen Publikums. Es sind eben auch nur Menschen...
Angeblich wegen dieser vermeintlichen Fehlurteile meiden so manche Autoren, die auch gute Filme produzieren, die Wettbewerbsebene. Wenn sie ehrlich sind, ist ihr Beweggrund aber zumeist nur die früher einmal erlebte Enttäuschung über eine nicht erfüllte Hoffnung auf den Erfolg. Eigentlich ist es aber doch die Absicht, mit einem Film einem möglichst großen Kreis die eigene Botschaft zu überbringen, es zu erfreuen und damit den angestrebten Erfolg zu erreichen.
Ausblick
Zusammenfassend kann man sagen, daß Filme bei Zuschauern, die am Geschehen oder der Handlung beteiligt waren, eher Erfolg haben werden, als bei Personen, denen das Geschehen völlig fremd ist. Meist werden auch kleinere Schwächen von diesem Publikum eher toleriert als von dem zweiten Zuschauerkreis. Was liegt also näher, als das Publikum am Geschehen zu beteiligen. Auch die deutsche Sprache hat genügend Beweise, welche Möglichkeiten bestehen, den Zuschauer einzubeziehen. Er wird von einem interessanten Thema „gefangen genommen“, durch Gestaltungsmöglichkeiten „gefesselt“, durch eine Handlung „mit gerissen“. Er identifiziert sich bei Spielfilmen mit dem Protagonisten. Aber eben diese Beteiligung des Zuschauers ist leichter gesagt als getan, es geht doch schon sehr in das weite Gebiet der Gestaltungsarbit. Doch selbst, wenn man in der Lage ist, diese schon künstlerischen Aspekte angemessen zu verwirklichen, gibt es immer noch sowohl Vorlieben, als auch Ressentiments bei einzelnen Zuschauern für oder gegen einzelne Filmthemen und -genres. Hiergegen kann sich der Autor nicht schützen. Doch die Mehrheit, das große (bewußt ausgesuchte?) Publikum, wird kaum extrem negativ reagieren, wenn man den Zeitgeist, die gegenwärtig gültigen Sehgewohnheiten und den "normalen" Menschenverstand berücksichtigt.
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Berliner Schmalfilm-Freunde e.V.