Berliner Schmalfilm-Freunde e.V.

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 Das leidige Thema:

Der Kommentar im Reisefilm

von Max Boehlke



Wie oft erleben wir es im Filmclub: es läuft ein Reisefilm. Hervorragende Bildaufnahmen, guter Schnitt, ja sogar die Musik stimmt, sie ist dem Thema, dem Bildinhalt angepasst und bleibt schön im Hintergrund...

Aber der Text!!! Gedruckt und abgelesen - sicherlich aus dem Reiseführer. Schwülstig und hochtrabend. So lange Sätze, dass man sie gar nicht behalten bezw. begreifen kann, denn man hat ja außerdem (außerdem?) noch das Bild vor sich. Jedoch, was noch schlimmer ist, der Text ist kaum zu verstehen. Nicht der Dialekt, sondern die nachlässige Aussprache.

Wer von uns ist schon so geschult wie ein Profisprecher von Rundfunk und Fernsehen? Wohl selten einer. Zwar gäbe es noch die Möglichkeit, einen guten Freund zu bitten, den Kommentar zu sprechen.

Aber, mal Hand auf´s Herz: ist es dann noch 100 %ig unser Film? Handelt es sich um einen Dokumentarfilm, ist ein fremder Sprecher noch vertretbar. Bei einem Film von unserer Reise hört der Zuschauer (im Club) doch wohl lieber die Stimme des Autors. Nur eben: wenn man den Text auch gut verstehen würde! Später davon, erst mal allgemein zum Kommentar:


Der Text

Die alte Regel: nichts beschreiben, was gerade im Bild zu sehen ist und nichts erwähnen, was mit der Bildsequenz nichts zu tun hat. Also - Schwamm darüber!

Im Lexikon steht unter Kommentar: zusätzliche Erklärung, Begleittext (mit oder ohne Erkennbarkeit der eigenen Meinung). Das sagt eigentlich schon viel. Der Text soll nicht vom Bild ablenken, sondern des Bild ergänzen. Aber nur, soweit es nötig ist. Lieber "nur" das Bild wirken lassen. Wenn der Zuschauer zustimmend nickt, dann ist das Bild "angekommen". Ist das nichts?

Manchmal kommt man nicht drumrum: geschichtliche oder technische Daten zu nennen. Überfordern wir aber nicht den Zuschauer in seiner Vorstellungskraft. Erzählen wir zuviel, dann hört keiner mehr genau hin, weil es ihn nicht sonderlich interessiert. Also: äußerst sparsam mit solchen Daten. Wenn überhaupt nötig, dann nur das Wichtigste bezw. Interessanteste.

Eine Geschmacksfrage: schreiben wir den Text in der Gegenwarts- oder in der Vergangenheitsform? Vorschlag: lieber die Gegenwartsform, denn der Zuschauer erlebt ja den Film gerade eben erst auf der Leinwand! Er ist also unmittelbar Beteiligter des Geschehens und nicht Zuhörer einer Vergangenheitsgeschichte.

Beispiel:

"Sie stehen mit ihren Koffern auf dem Bahnsteig. Verdutzte Gesichter. Der Zug ist weg!" Aber nicht so: "Als sie auf dem Bahnsteig angekommen waren, erfuhren sie am Schalter, dass der Zug schon abgefahren war". Abgesehen davon, dass die letzte Fassung viel mehr Bildmaterial erfordert, ist die erste Fassung in ihrer Formulierung leichter zu erfassen.

Noch etwas, was oft an Reisefilmen auffällt: der Zuschauer wird direkt angesprochen. Z. B. wir zeigen Ihnen hier. . . machen Sie mit uns eine Reise. . . . kommen Sie mit auf den Markt (in die Berge, an die See). Solche Anredeformen sind schon deshalb unangebracht, weil ja die "wir" oder "uns" im Bild kaum auftauchen. Höchstens mal die Ehefrau (nicht immer kennt man sie), und der Kameramann taucht aus verständlichen Gründen überhaupt nicht auf.


Die Aussprache:

Es wurde schon erwähnt, wer ist schon so geschult wie der Profisprecher? Auch wenn man es kaum glaubt: bis zu einem gewissen Grad kann man sich eine deutliche Sprache aneignen. Natürlich nicht in fünf Minuten. Man muß üben, üben, üben. Aber, es lohnt sich.

Beobachten wir mal die Ansager (-innen) im Fernsehen, schauen wir ihnen auf den Mund, sehen wir, wie sie die Vokale a, e, i, o, u mit dem Mund formen. Auch die Umlaute ä, ö, und ü gehören dazu.

Versuchen wir mal den Satz: Die schönen Sääle könnten überfüllt sein.

Sprechen wir den Satz auf Tape oder MD. Das ist die beste Methode, sich selbst zu kontrollieren und tun wir das bei allem , was jetzt vorgeschlagen wird. Noch besser ist es vielleicht, wenn man als Kritiker die Ehefrau, Freundin, Freund engagiert, die sich mit den Ausführungen vorher vertraut gemacht haben.

Also wie wichtig die deutliche Aussprache der Vokale ist, dürfte schon mal klar sein. Nun kommen die Konsonanten - sie sind das größte Kriterium.

Für deutliche Aussprache hier die wichtigsten Konsonanten: B, D, G, K, Pf, R, S, T. Diese Buchstaben müssen immer deutlich hörbar sein. Ob am Wortanfang, in der Mitte oder am Ende. Sprecht die Wörter: das Band, das Datum, die Gelegenheit, der Konsonant, in Paris, der Pfeiler, der Roller, die Seife, die Tante. Vorsicht beim R!!! Bitte kein italienisches, also rollendes Zungen-R, sondern eher ein "Rachen"-R (ähnlich wie im Englischen).

Die Konsonanten am Wortende (z. T. mit Beispielen)

B: Stab, Weib = wie ein ganz leichtes P

D: Wort, und = meist als stimmhaftes T

G: König = niemals wie K, eher ein leichtes CH.

Achtung: steht ein N vor dem G ("Endung"), so wird das G vernachlässigt, "ung" soll klingen.

Aber: Weg, weg, weggehen = niemals ein scharfes K aus dem G machen. Bei weggehen hört man nur das zweite G!

K. Blick, Rock = scharfes K.

P. Flop = deutlich hörbar.

Pf. Pfeiler, Pfirsich = bei Vernachlässigung des P könnte ein Schlosser gemeint sein, der gerade feilt, also ein

deutliches Pf.

R: fast unhörbar.

S: deutliche Aussprache bietet sich schon von selbst an.

T: Zeit, Zeitpunkt = deutlich hörbar.

Übt die Wörter: Polterabend und Taktlosigkeit unter Berücksichtigung des Vorhergesagten.

 

Endungen allgemein:

Hier ist die Neigung zum Übertreiben groß. Eine Vernachlässigung ist eher angebracht. Beispiele: enden, finden, Tanten. Man spricht es besser so aus: end´n, Tant´n. Beim D ist Vorsicht geboten. Es muß weich klingen, sonst hört es sich an wie Enten, Finten. Fällt Euch etwas auf? Es sind in der Hauptsache die Wörter, die mit "en" aufhören. Bei Überbetonung wird schnell ein "ähn" daraus.

 

Zusammenfließen von End- und Anfangsbuchstaben

Beispiel: Er unterhält sich mit seinem Bruder. Hier wäre es falsch, das T vom S des folgenden Wortes deutlich zu trennen, weil es zu einer Unterbrechung des Wortflusses führt. Besser: Erunterhältßsich mitßeinem Bruder. Es könnte sich sonst anhören wie: Er unterhältesich miteseinem Bruder. Ebenso: "ist das", "das Gerät darf". Übertreibt anfangs beim Üben ruhig ein wenig. Beim Abhören der Testaufnahmen werdet Ihr merken, ob das zu sehr übertrieben war (das kann peinlich wirken), oder der Text sauber, klar und gut verständlich vom Tape, MD kommt.

 

Die Betonung im ganzen Satz:

Sinn und Bedeutung einer Aussage werden durch besondere Betonung einzelner Wörter ausgedrückt. Es gibt einen alten Satz, der sehr gut beweist, wie man ihm durch unterschiedliche Betonung einzelner Wörter die tollsten Bedeutungen geben kann: "Was, kommst Du schon wieder?" Versucht es mal. Es kommen vier verschiedene Versionen raus!

Die betonten Wörter weisen auf das Besondere hin, was man in Verbindung mit der Bildsequenz dem Zuschauer nahe bringen will. Noch einmal: nicht das Beschreiben, was ohnehin schon zu sehen ist, sondern das Bild ergänzen. Aber nicht zu ausführlich, sonst wird der Zuschauer vom Bild abgelenkt. Das Bild soll das Wichtigste bleiben. Die schönen Aufnahmen, die Ihr gemacht habt, sollten nicht zerredet werden. Noch einmal zur Betonung: falsche Betonung kann die Aussage unverständlich machen, ja sogar den Sinn entstellen.

 

Lautstärke und Klangfarbe:

Wenn Ihr den Kommentar auf Tape aufnehmt (oder sprecht Ihr etwa den Text direkt auf die Tonspur?), dann werdet Ihr sicher einige Korrekturen vornehmen müssen, d. h. Versprecher ausmerzen. Dabei kann es leicht passieren, dass unterschiedliche Lautstärken herauskommen. Am besten: Text hintereinander sprechen, ohne Rücksicht auf Versprecher. Der Satz, in dem ein Versprecher sitzt, wird einfach total wiederholt und dann geht es weiter im Text.

Ist alles auf Tape, MD, wird auf ein zweites überspielt, wobei die Sätze mit den Versprechern ausgelassen werden. Erfolg: der gesamte Text läuft mit gleicher Lautstärke.

Einwände? Bei jeder Überspielung leidet die Tonqualität? Mit einem guten Mikro und MD kein Problem!

Oft ist zu hören: die ersten Worte eines Satzes kommen leise "aus der Tiefe", dann hebt sich die Stimme, um beim Satzende wieder abzusinken. Lautstärke und Betonung dürfen keinen nach oben gewölbten Bogen beschreiben. . . Monotonie? Man kann auch übertreiben. Die Lautstärke soll möglichst gleichmäßig sein. Das trifft auch auf die Klangfarbe der Stimme zu. Was ist eigentlich Klangfarbe? Stellt Euch vor, der Freund erzählt von einem unliebsamen Vorfall. Er senkt den Kopf, er ist sauer, seine Stimme klingt tiefer als sonst. Erzählt er etwas Lustiges, liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht, er sitzt gerade ( ! ), der Kehlkopf wird nicht gedrückt, seine Stimme klingt hell, klar und deutlich. Aber das soll nicht heißen, einen Satz in gleicher Tonhöhe "runterzuleiern". Denkt an die Betonung wichtiger Wörter, ohne die Lautstärke und die Klangfarbe zu vernachlässigen.


Die Formulierung:

Zum Text allgemein. Am Anfang sprach ich von Prospekt- und Reiseführertexten. Es ist schon erlaubt, sich schlau zu machen, wenn man in´s Ausland fährt, wenn man über fremde Kulturen, fremde Landschaften berichten will. Es soll ja auch der Wahrheit entsprechen, was man da erzählt. Möglichst aber nicht so schwülstig und hochgestochen, sondern natürlich mit eigenen Worten.

Im Filmclub ist man als Autor persönlich bekannt. Verwendet man den Reiseführertext originalgetreu, merkt jeder sofort: der Text stammt nicht von ihm. Ein klassischer Fehler!

Versucht das, was Ihr im Reiseführer gelernt habt, in eigene Worte umzusetzen, Eurem Bildmaterial anzupassen. Es ist schon schwierig genug, den Text in seiner Laufzeit der Bildsequenz anzupassen. Der Text soll die Bildsequenz nicht "überfahren", soll heißen, nicht länger als die Bildinformation selbst. Besser ist es, etwas anzukündigen, um dann das Bild wirken zu lassen.

Lest den Textentwurf zweimal, dreimal und dann kürzt Ihr ihn, der Zuschauer wird es danken.

Noch etwas: Vorsicht bei der Verwendung fremdsprachiger Namen oder Bezeichnungen, wenn Ihr der betreffenden Sprache nicht mächtig seid. Besser ist es dann, solche Namen in´s Deutsche zu übersetzen oder zu umschreiben, als sich der Peinlichkeit auszusetzen.

Letztens war in einem Film über New York das Wort (phonetisch) "Awenü", also französisch ausgesprochen, obwohl es doch (englisch) "Äwenju" hätte heißen müssen. So kann man gewaltig daneben treten!

Versucht doch mal, Euch in die Rolle des Zuschauers zu versetzen, Ihr kennt Euren Film schon auswendig, wenn Ihr die Vorsortierung, Rohschnitt und Feinschnitt schon hinter Euch habt. Der Zuschauer aber weiß nicht, was auf ihn zukommt. Er muß in Kürze (!) begreifen können, was er im Bild sieht und im Ton hört. Text also so knapp wie möglich. Keine Bandwurmsätze (siehe Bahnsteig)!

Schaut Euch einen Dokumentarfilm im Fernsehen an. Man kann vom TV viel lernen: tolle Aufnahmen, logischer Schnitt, ausgefeilter Text. . . oder, was man lieber bleiben lassen sollte. Schaut und hört kritisch zu und legt einen strengen Maßstab an Euren eignen Text. Rezitiert nicht wie ein Oberlehrer mit erhobenen Zeigfinger, sondern berichtet so, wie Ihr einem Freund von einem schönen Erlebnis erzählen würdet! Wie beim PC, Papierkorb ist wichtig: nicht nur die Szenen trimmen, sondern auch den Kommentar. Motto: mehr Bild, weniger Text. Der Film lebt vom Bild.

 

Abschluß:

Es sind Vorschläge, es ist das Wichtigste, worauf ich mich beschränke, üben, üben. . . sicher kann der eine oder andere schon etwas damit anfangen. Viel Freude und gutes Gelingen beim "Fesseln" der Zuschauer!

 



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