Wie komme ich zu einem guten Kommentar ?
Die Beantwortung der Frage sieht nach erster Betrachtung für den "alten Hasen" zunächst sehr leicht aus, für den noch weniger erfahrenen Filmamateur scheint es eine sehr schwierige Frage zu sein. Eine schnelle Antwort wird fast nie dem ganzen Problem gerecht werden können; ist doch der Kommentar in einem Amateurfilm ein sehr wichtiges Gestaltungselement. Natürlich gibt es Filmgenres, die auf einen Kommentar verzichten können oder müssen: diese sollen hier nicht besprochen werden. Aber die meisten Amateurfilme sind Dokumentationen, Reportagen, Reisefilme usw. Hier auf einen Kommentar verzichten zu wollen, wird wohl nur in den wenigsten Fällen dem Film gut bekommen.
Weil der Kommentar aber ein so wichtiges Element der Gestaltung ist, kaum weniger wichtig als die Bildkomposition, ist ihm ein besonderes Augenmerk zu widmen.
Es wird sicher kaum einem gegeben sein, einen guten Kommentar direkt bei der Videoaufnahme in das Mikrofon zu sprechen, leider wird dies von etlichen Amateuren praktiziert, wie wir doch oft beobachten können. Es gibt aber auch einige unter uns, die, natürlich bei der Nachvertonung, ohne viel Aufwand, direkt beim Abspielen des Videos einen lockeren und teilweise humorigen Kommentar ohne eine schriftliche Vorlage sprechen können. Glückwunsch an diese Freunde! Sie haben damit einen eigenen Stil praktiziert, der oft auch bei den Zuschauern ankommt. Aber all die anderen, die nach viel Mühe des Sortierens, Ausmusterns und Schneidens des Bildmaterials vor ihrem hoffentlich schönen stummen Bildmaterial sitzen und nicht wissen, wie sie zu einem Kommentar kommen sollen, was tun die? Dabei ist es doch in den allermeisten Fällen sehr einfach, diese Aufgabe zu lösen: Geht man nur kritisch an die Aufgabe heran und löst sie systematisch, wie Probleme auf anderen Gebieten eben auch. Aus dem technischen Projektmanagement hat sich eine einfache Gliederung, eine praktikable Vorgehensweise herauskristallisiert:
Ausgangsposition definieren
Ziel festlegen
Aufgabe in Einzelprobleme aufteilen
Konzepte zur Problemlösung entwickeln
Alternativen untersuchen
Konzepte festlegen
Ausführungsplanung
Ausführung
Kontrolle anhand der zuvor festgelegten Ziele
Diese Gliederung lässt sich auch bei der Ausarbeitung eines Filmkommentars anwenden. Jeder einzelne Schritt sollte gut und kritisch durchdacht werden. Es mag etwas theoretisch klingen, mit diesen Einzelschritten vorzugehen, aber jeder, der einen guten Kommentar produziert hat, wird ebenso verfahren sein, wenn vielleicht auch intuitiv und ohne sich der einzelnen Arbeitsstufen bewußt geworden zu sein. Im folgenden wollen wir nun anhand eines fiktiven Beispiels auf diese Schritte eingehen. Vorher soll jedoch kurz auf die grundlegenden Aufgaben eines Kommentars eingegangen werden.
Aufgabe des Kommentars
Informationen über Handlungen, Zusammenhänge und Beziehungen vermitteln
Ergänzung des Bildes liefern, was sich bildlich nicht oder nur sehr schwer ausdrücken läßt
Schlüssel des Verständnisses
Vermittler von Gedanken und Absichten des Autors
nicht Nothelfer um Schwächen des Bildes zu überbrücken
Beschleuniger des Rhythmusses
unausgesprochene Fragen des Zuschauers beantworten
1. Ausgangsposition definieren
Es liegt nach dem Reiseverlauf zeitlich sortiertes und geschnittenes, technisch einwandfreies Filmmaterial auf dem Schnittcomputer oder der Casablanca von allen Stationen und Begebenheiten der letzten Reise in ausreichender Menge vor.
2. Ziel festlegen
Autor: "Es soll ein Reisefilm entstehen, der einen möglichst großen Erfolg beim Publikum haben soll."
3. Aufgabe in Einzelprobleme aufteilen
Zielgruppe: Der Autor muß bedenken, bei welchem Publikum er Erfolg haben will: bei evtl. vorhandenen Mitreisenden wird er es leichter haben, als z.B. bei einem Publikum, daß mit den Begebenheiten nichts anfangen kann, vielleicht so gar ablehnt oder das Urlaubsland nicht kennt, usw. Mitglieder von Filmclubs werden kritischer sein, Juroren von Wettbewerben noch mehr. Es kommt also auf das Publikum und dessen filmische und allgemeine Bildung an, inwieweit ein Film und damit auch ein Kommentar "ankommt".
Themenumfang: Es muß aber auch geprüft werden, ob das gesamte vorliegende Videomaterial wirklich in einem Werk untergebracht werden kann. Oft wird ein Video dann so lang, daß ihm selbst der interessierteste Zuschauer nicht mehr seine volle Aufmerksamkeit schenken wird. Sind nicht auch zu viele relativ kurze Einzelbegebenheiten vorhanden, die nur schwer intelligent miteinander verknüpft werden können? Sind andererseits nicht auch einzelne Begebenheiten so schwergewichtig, lang und aussagekräftig, daß sie im Verhältnis zum Gesamtfilm zu einem thematischen und zeitlichen Übergewicht führen würden, daß der Film quasi auseinanderfällt? Kann man diese Begebenheit nicht zu einem separaten Werk verarbeiten?
4. Konzepte zur Problemlösung entwickeln
Hat man dann ggf. das vorliegende Videomaterial thematisch in einzelne Projekte getrennt, wird eine Kommentierung schon viel leichter fallen.
Es ist nach den folgenden Kriterien zu entscheiden, wie der Kommentar am besten zu dem Bildmaterial passt und gestaltet werden soll:
Publikum, (filmischer Bildungsstand)
Familie
Mitreisende, Kenner
Fachpublikum
Filmclub
Wettbewerb
Genre
Familienfilm
Reisefilm
Dokumentarfilm
Reportage
Stil
Lyrisch
Episch
Sachlich-wissenschaftlich
Persönlich
Hochdeutsch
Dialekt
Sprecher
Anzahl, Geschlecht
Amateur
Selbst
Freunde
Ausgebildeter Sprecher (Profi)
Der Kommentar muß der Aufgabe "Publikumsakzeptanz" angepaßt sein. Wir wollen in unserem fiktiven Beispiel davon ausgehen, daß es sich um ein Publikum in einem Filmclub handelt, daß aus allen Kreisen der Bevölkerung und den unterschiedlichsten Berufen kommt. Nur einige wenige kennen das Urlaubsland von eigenen Reisen, im Fernsehen wird es auch nicht zu oft gezeigt.
Man muß sich die Frage stellen, was wird das Publikum interessieren, jeder Film soll doch eine kleine abgeschlossene Geschichte sein, es sollten ungewöhnliche oder weniger bekannte Dinge erzählt werden, die natürlich in möglichst enger Beziehung zu dem Bildmaterial stehen müssen. Taucht jetzt die Frage auf, "was soll ich denn dem Zuschauer erzählen", dann kann nur die Antwort lauten: "wer soll denn sonst dem Zuschauer etwas erzählen, wenn nicht der Autor?" Wenn er nichts zu erzählen hat über seine Reise, seine Erlebnisse, warum sollte dann ein Zuschauer überhaupt von dem Film gefesselt werden, warum will er uns dann dieses Werk überhaupt zeigen. Es gibt immer Interessantes, allgemein Unbekanntes und Ungewöhnliches zu berichten. Wenn nicht, muß sich der Autor fragen, ob er denn seine Kamera überhaupt auf die richtigen Motive gerichtet hatte. Dann lohnt es wahrscheinlich kaum, das Projekt in dieser anfangs ausgewählten Form weiter zu verfolgen.
5. Alternativen untersuchen
Alternativen können ganz andere Filmgenres sein, an die man zuvor nicht gedacht hatte, die vielleicht auch keinen Kommentar benötigen, wie kurze Stimmungs-, Experimental- oder Naturfilme. Vielleicht ergeben sich auch im Zusammenschnitt mit anderem schon längere Zeit vorhandenem Videomaterial vergangener Reisen oder Ausflüge ganz neue Perspektiven - der Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt.
6. Konzepte festlegen
Jetzt muß spätestens entschieden werden, wie der Kommentar aufgebaut werden soll. Spätere Änderungen werden sehr zeitaufwändige Arbeiten nach sich ziehen.
7. Ausführungsplanung
Ist aber nun die Idee für eine abgeschlossenen Geschichte entstanden, so wird es meistens unumgänglich sein, das Bildmaterial nochmals umzuordnen, zu kürzen, Szenen zu entfernen usw., eben der Story anzupassen. Das Material wird damit zwangsläufig weniger. Nun kann der Kommentar schriftlich ausgearbeitet werden. Schon jetzt sollte man auch überlegen, ob man selbst spricht, einen anderen Sprecher auswählt, oder ob ggf. auch mehrere Sprecher mit verteilten Aufgaben betraut werden. Das Ergebnis sollte aber, wie schon früher betont, immer für den Zuschauer interessant sein, ihn fesseln, ihn aber auch nicht überfordern. Zu viele Detailinformationen, die sich kaum jemand merken will und kann, müssen vermieden werden. Es sollten auch Vergleichsangaben zu Dingen und Umständen, die der Zuschauer kennt, herangezogen werden. Auch ein Schuß Humor würzt jede Story. Keinesfalls sollten aber sog. Binsenwahrheiten, Banalitäten und Worthülsen verwendet werden. Die ach so beliebten Beschreibungen von Prospekten und Reiseführern sollten nicht als Kommentarvorlage benutzt werden, sie sind natürlich bestens geeignet, um Informationen zu einem eigenen Kommentar zu liefern. Es ist etwas anderes, ob der Text in gedruckter Form dem Leser präsentiert wird, ein Sprecher im Hörspiel oder Vortrag etwas liest, oder eben ein Kommentar zum Film passen soll. Im Film ist meist sehr viel weniger erforderlich, da doch schon der größte Teil der Informationen aus dem Bildmaterial hervor geht. Der gewählte Stil muß natürlich auch den Eindruck bestätigen, dass es sich um "die eigenen Worte" handelt. Kommentare zu Vorgängen, die hinreichend durch das Bild erklärt werden, sind zu vermeiden. Natürlich ist auch der Erzählstil zu beachten: eine Reportage muß anders angelegt sein, als eine Dokumentation oder eine Landschaftsbeschreibung, die in epischer Breite vorgetragen werden kann. Die Menge des Kommentars im Verhältnis zur Filmlänge kann auch sehr unterschiedlich sein: Sie ist eine Frage des verwendeten Stils. Im Normalfall sollte die Textlänge nicht mehr als 60 Prozent der Gesamtvideolänge betragen. Immer sollte sie jedoch in einem ausgewogenen Verhältnis sein. Es gibt Videos, die binden einfach durch die Menge die gesamte Aufmerksamkeit nur an das gesprochene Wort, das mindestens ebenso wichtige Bild und auch die anderen Audioeindrücke gehen daneben unter. Genauso schädlich für die Gesamtwirkung ist es aber, wenn kaum ein Kommentar vorhanden ist, der Zuschauer nur mit dem Bild und den anderen Tonelementen nicht zufrieden gestellt wird, er also ein Informationsmanko haben wird. Das wirkt fragmentarisch und sehr oberflächlich. Man sollte ebenfalls vermeiden, in großen zeitlichen Abständen nur einzelne kurze Sätze oder Satzteile einzuwerfen, die vielleicht in fortlaufender Folge gelesen, einen guten Eindruck machen, jedoch zeitlich auseinander gerissen, wie es im Film zur Bildfolge paßt, stümperhaft wirken.
Der Kommentarentwurf muß gefeilt und geschliffen werden, bis er perfekt ist. Er ist spätestens jetzt auf
klare Ausdrucksweise
einfachen Satzbau (nicht mehr als etwa 20 Wörter in jedem Satz)
zu untersuchen und zu korrigieren. Zu vermeiden sind
Verwendung von abgedroschener Phrasen
Verwendung stereotyper Klischees
ständiges Wiederholen gleicher Wörter
Verwendung nichtssagender Adjektive
Verwendung von Fremdwörtern und fremdsprachlichen Begriffen, die genauso gut im Deutschen auszudrücken wären
Verwendung allgemein unbekannter Fachausdrücke
Eintönigkeit im Satzbau
geschraubte Wortformulierungen
In der Regel werden nun auch noch einmal (oder mehrmals) Szenen umgestellt, Längen angepaßt, also auch am Bildmaterial gefeilt. Man wird hierzu kaum darum herum kommen, den Kommentarentwurf zu sprechen, ihn unter die entsprechenden Szenen zu legen und dann abzuhören bzw. das Video anzusehen und auf sich wirken zu lassen. Bei etwas Übung und selbstkritischem Verhalten merkt man meistens sehr schnell, an welchen Stellen es noch Probleme gibt. Erst wenn man hier zufrieden mit seiner Arbeit ist, kann es weiter gehen.
8. Ausführung
Die praktische Kommentierung. Sie fängt bei der zweckmäßigen Vorlagengestaltung an, geht über das Sprechen mit all seinen Tücken der sauberen Aussprache, der Betonung, der Tonhöhe, der Lautstärke, dem Rhythmus, usw., usw. hinaus und endet bei der richtigen, hörgerechten technischen Einspielung in das Casablanca oder den Computer. Doch das ist wieder ein ganz anderes Feld unserer Arbeit, die in einem weiteren Kapitel eingehend besprochen werden muß.
9. Kontrolle anhand der zuvor festgelegten Ziele
Ist das Video fertig kommentiert, so kann es trotzdem sein, daß nach der Auswahl der anderen Audioereignisse eine letzte Korrektur des Kommentars erforderlich wird, nämlich dann, wenn man feststellt, daß der Kommentar doch nicht in der Menge paßt, er im Verhältnis z.B. zur Musik zu nüchtern und steril wirkt, die gesprochene Tonlage, die Betonungen, der Rhythmus, das Tempo nicht stimmt oder vielleicht so gar der gesamte Stil nicht dem nunmehr (fast) fertigen Video entspricht. Sollten hier Zweifel auftreten, muß ggf. die gesamte Arbeit noch einmal von Anfang an durchgeführt werden. Vielleicht ist es in diesem Falle aber hilfreich, mit guten Freunden eine Probevorführung zu veranstalten und deren Rat einzuholen. Wie oft passiert es, daß man, je länger man an einem Projekt gearbeitet hat, entweder „betriebsblind“ wird, also offensichtliche Schwächen und Fehler unbewusst ignoriert, oder auch immer selbstkritischer wird, und von Zweifeln geplagt, das Projekt verwirft. Das wäre schade um die Arbeit. Evtl. hilft aber auch, es einfach für eine gewisse Zeit ruhen zu lassen und später fortzufahren. Dann geht es mit einem zeitlichen Abstand meistens sehr schnell bis zur endgültigen Fertigstellung.
Nach all den vielleicht doch etwas schwierigen Prozeduren stellt sich für manch einen von uns aber doch die Frage, ob er nicht beim nächsten Projekt noch frühzeitiger als bisher , viellecht so gar vor oder während der Dreharbeiten, mit der Planung eines Kommentars beginnen sollte: eine sehr gute, weil rationelle Überlegung. Er wird schon im Vorfeld eine viel klarere Vorstellung über den fertigen Film gewinnen, viel Aufnahmematerial und auch Mühen sparen und auch am Schneidetisch erheblich weniger Aufwand haben. Es ist eben so, daß der Kommentar wesentlich den Film beeinflußt und eine Gestaltung des Gesamtwerkes, wenigstens in groben Zügen, immer vor den Dreharbeiten geplant sein will. Dazu gehört auch der Kommentar. Es muß ja nicht gleich ein Drehbuch geschrieben werden......
Hein Möbis